Pfarrerin

Evangelische Kirche

Albig Heimersheim

Kein überproportionaler Abbau

Stellungnahme des Ev. Kirchenvorstands Albig und des Ev. Kirchenvorstands Heimersheim zum neuen Pfarrstellenbemessungsmodell und der geplanten Pfarrstellen-Reduzierung

1. Wir lehnen die geplante überproportionale Reduzierung der Pfarrstellen in unserem Dekanat Alzey grundsätzlich ab. Der Wegfall von fast einem Drittel aller Pfarrstellen bis 2025 würde den Charakter der kirchlichen Arbeit grundlegend verändern, unsere Wirkungsmöglichkeiten in unverantwortlicher Weise einschränken und die volkskirchlichen Strukturen aufs Spiel setzen.

2. Jede Neustrukturierung und jede Sparmaßnahme setzt voraus, dass Klarheit über die Kernaufgabe der Kirche besteht, die im Zweifel Priorität vor anderen haben muss. Wir erwarten daher von den Entscheidungsträgern, dass sie von der Kernaufgabe der Kirche her denken und die geschichtlich gewachsene Gestalt der Kirche beachten.

3. Wir sehen unsere Kernaufgabe im Auftrag Jesu: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker!“ (Mt. 28, 19f)
Glauben an das Evangelium zu wecken und zu stärken und damit zu einem Leben in der Nachfolge Jesu zu rufen ist die zentrale Aufgabe der Kirche, zumal der EKHN als sich selbst bezeichnende „missionarische Volkskirche.“ Sie kann durch nichts anderes aufgewogen oder ersetzt werden. Kein anderer außer uns kann und wird sie wahrnehmen. Pfarrer(innen) mit ihrem Verkündigungsdienst stehen für diese Kernaufgabe.

4. Die geschichtlich tief eingeprägte Rolle des Pfarrers / der Pfarrerin ist ein Pfund, mit dem es auch heute zu wuchern gilt und das nicht leichtfertig verschenkt werden darf. Der Gedanke vom „Priestertum aller Gläubigen“ widerspricht nicht dem besonderen Auftrag einzelner.

5. Die Mitarbeit von Ehrenamtlichen ist dort am ehesten zu erwarten, wo es ein ortsnahes, funktionierendes Pfarramt und eine(n) hauptamtliche(n) Vertreter(in) der Kirche gibt. Gemeinden, die keine(n) Pfarrer(in) mehr vor Ort haben, die darüber hinaus ohne Not zu Fusionen gedrängt werden, werden bald auch keine Kirchenvorstände mehr haben, weil sich mögliche Interessenten schlicht überfordert fühlen. Die Kandidatensuche ist schon unter den jetzigen Bedingungen schwierig genug. Dasselbe ist auch im Blick auf Dekanatssynodalvorstände zu befürchten.

6. Die Verkündigung setzt einen persönlichen Kontakt voraus und braucht gewachsenes Vertrauen, das sich nicht im Handstreich gewinnen lässt. Das Arbeitsfeld der Pfarrer(innen) muss deshalb überschaubar sein und persönliche Begegnung ermöglichen. Sie müssen sich in Ruhe den Menschen zuwenden können. Im Grunde schaffen gerade kleiner werdende Gemeinden die Voraussetzung für die heute notwendige individuelle Zuwendung zum Einzelnen. Die geplante Wiedereinführung einer 10-Jahres-Begrenzung im Gemeindepfarrdienst konterkariert dieses Bemühen.

7. Das feinmaschige Netz von Pfarrstellen ist eine Errungenschaft aus jahrhunderte langer Kirchengeschichte, um die uns alle vergleichbaren Organisationen beneiden. Die Verbundenheit der Menschen mit ihrer Kirche zu erhalten, ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Volkskirche in ihrer Vielfalt als Organisation bestehen kann. Diese Verbundenheit muss heute ständig neu begründet und gewonnen werden. Eine selbstverständliche Zugehörigkeit wird es in Zukunft auch auf dem Lande nicht mehr geben. Nachlassende Präsenz wird zur Abwendung der Menschen von der Kirche führen.

8. Schon die Einschränkungen der beiden letzten Jahrzehnte haben die Pfarrer(innen) bis an die Grenzen ihrer Arbeitskraft geführt. Für die wenigen verbleibenden Pfarrstellen würde sich gerade in der ländlichen Situation niemand mehr finden, der sich dieser Belastung aussetzt. Ländliche Pfarrstellen müssen attraktiver werden, wenn sie besetzbar bleiben sollen.

9. Der momentan zu erwartende Mangel an Pfarrpersonen ist als Begründung kurzsichtig. Entscheidungen von historischer Tragweite können nicht von momentanen Befindlichkeiten abhängig gemacht werden. Kirchenvorstände und andere Ehrenamtliche werden nur dann schwierige Zeiten überbrücken, wenn die Aussicht auf die Unterstützung durch einen Hauptamtlichen weiter besteht. Wir erwarten von der Kirchenleitung entschlossene Bemühungen um weiteren Pfarrernachwuchs und bei allen Zukunftsprognosen ein Mindestmaß an Gottvertrauen.
Es entspricht nicht christlichem Geist, ständig nur das Schlimmste zu erwarten und sich kleinmütig zurückzuziehen.

10. Die Ev. Kirche in Hessen und Nassau ist heute aufgrund ihrer finanziellen Lage nicht genötigt, in überproportionaler Weise Pfarrstellen zu reduzieren, deren geplante Abbauquote doppelt so hoch liegt wie der demographische Mitgliederrückgang. Wenn Pfarrstellen, die seit Jahrhunderten bestehen, ausgerechnet heute nicht mehr finanzierbar sein sollen, sind einfach die Prioritäten falsch gesetzt.
"Was zwei Weltkriege, Inflationen und Diktatur nicht vermochten, nämlich den gesellschaftsprägenden Pfarrstellenbestand aus seinen Angeln zu heben, hat übertriebener kirchlicher Reformeifer nun in wenigen Jahren vollbracht.“ (Andreas Dreyer, Vorsitzender des Hannoverschen Pfarrvereins im Dt. Pfarrerblatt 6/2011)

gez. Kirchenvorstand der Ev. Kirchengemeinde Albig/Heimersheim, 2.März 2012


Zur diesem Thema gibt es hierzu einen interessanten Bericht

Beitrag von Dr. Dieter Becker, Kirchenkrise-welche Krise: www.agentur-aim.com